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Ein Plädoyer für vergessene Wörter

Wenn es nach meinem Sohn ginge, seines Zeichens Pubertier, bräuchte es nur wenige Adjektive, um die eigene (Gefühls-)Welt zu beschreiben: fresh, nice und fett reichen da völlig aus. Für die Steigerung benötigt er lediglich Präfixe wie mega oder ends: also endsfresh und megafett. Und fertig ist der sprachliche Epic Fail, denn ein Füllhorn an Vielfalt und Finesse hört sich anders an. Übelst krass!

Sprachliche Selbstbeschränkung findet man gleichwohl in der Welt der Werbung – gerne in Form von Superlativen. Unternehmen sind in ihrer Branche führend, haben jeweils das einzige, größte, neueste, schnellste, günstigste ... Produkt. Feinheiten: Fehlanzeige. Anglizismen und Modewörter verdrängen Althergebrachtes und aus der Mode Gekommenes. Aus der Masse der Besten sticht kaum etwas überraschend hervor. Dem USP, dem veritablen Kundenvorteil, wird in der Gleichförmigkeit ganz blümerant.

„Luftikus und Tausendsassa“

Dabei hat die deutsche Sprache so viel zu bieten. 145.000 Wörter stehen im Duden, von denen durchschnittlich nur etwa 14.000 aktiv genutzt werden. Begriffe, die den Eltern und Großeltern noch geläufig waren, verschwinden still und heimlich von der Bildfläche. „Artenvielfalt“ ade.

 

Wie gut, dass die Autorin Katharina Mahrenholtz ein Herz für ausgestorbene Exemplare deutscher Sprache hat und 100 dieser vergessenen Wörter wieder ans Tageslicht befördert. In ihrem Buch „Luftikus und Tausendsassa“ präsentiert sie informativ und überaus unterhaltsam Sprachschätze, die im täglichen Leben – auch der Werbeagenturen – unbedingt wieder Verwendung finden sollten.

Ein Beispiel: Fisimatenten

Für Katharina Mahrenholtz „das Wort mit der hinreißendsten, wenn auch nicht bewiesenen Herkunftsgeschichte: Im 19. Jahrhundert, während der napoleonischen Besatzung, luden die französischen Soldaten gern ganz höflich deutsche Mädchen ein: Visitez ma tente! = ,Besuchen Sie mein Zelt!‘ Die Eltern wussten natürlich, wie der Hase läuft, und gaben ihren Töchtern vor dem abendlichen Ausgehen stets eine Ermahnung mit auf den Weg: ,Aber keine visitez-ma-tente!‘ Mit hartem deutschen Akzent klang das nach ,visiteematent‘ – und daraus wurde schnell der Ausdruck keine Fisimatenten!“.

 

Eine wirklich schöne Geschichte. Und derer gibt es in dem im Dudenverlag erschienenen Bändchen viele. Von Wörtern mit A wie Adamskostüm bis Z wie Zipperlein, zeitlich eingeordnet, erklärt, mit Synonymen und Zitaten angereichert und – für Spielefans – mit dem jeweiligen Scrabble-Wert versehen. Für Fisimatenten etwa gäbe es ganz ohne doppelten Buchstaben- oder Wortwert ganze 18 Punkte.

Gemach, gemach!

Volle Punktzahl könnten auch Werbeagenturen und mit ihnen die Unternehmen einstreichen, sollten sie das Wagnis eingehen, neue alte Wege zu beschreiten. Im Kampf um schneller, höher, weiter gewinnen möglicherweise jene einen Vorsprung, die einen Gang herunterschalten und den Kunden – sapperlot – mit nostalgischem Schabernack überraschen und frohlocken lassen. Das neueste und marktschreierisch geizig-geilste Produkt hat heute kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Mehr Remmidemmi macht in der Fülle des oftmals hanebüchenen Größenwahns vielleicht das wohlfeil und bescheidener dargebotene Erzeugnis. Darum: mehr Mut zu sprachlichen Flausen und Firlefanz. Der Duden hat einiges davon im Angebot.

Katharina Mahrenholtz: Luftikus und Tausendsassa. Verliebt in 100 vergessene Wörter. Duden, 9. April 2018. Gebundene Ausgabe, 160 Seiten. Illustrationen: Dawn Parisi.  ISBN: 978-3411711352. 15,00 €

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